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Faszinierende Alpenlandschaften im Engadin
Wenn man die Natur des Hochgebirges kennenlernen möchte, führt kein Weg an den faszinierenden Schweizer Alpen vorbei. Eines der
schönsten Ziele ist für mich das Engadin im Kanton Graubünden.
Unter- und Oberengadin, das ist ein 95 Kilometer langer Hochtalabschnitt des Inntales, von der österreichischen Grenze bis zum
Malojapass. Die Region hat außer den bekannten Urlaubsorten St. Moritz und Pontresina viele Naturschönheiten zu bieten. Die hochalpine Landschaft zeichnet sich durch ein sonniges und mildes Höhenklima aus. Ein
Umstand den man als Fotograf sehr zu schätzen weiß. Als ich Ende Juni über den Flüela-Pass mein erstes Ziel, den Schweizerischen Nationalpark ansteuere, erwartet mich eine frühsommerliche Bergwelt. Bergwiesen blühen
üppig, oberhalb von 2000 Metern weichen aber vielfach erst jetzt die letzten Schneereste der Sonne. Zahlreiche Bergseen sind noch eisbedeckt.
Das Tor zum Schweizerischen Nationalpark ist Zernez. In dem kleinen Ort gibt es ein Nationalparkhaus, wo sich die Besucher mit
Informationen, Büchern und Kartenmaterial versorgen können. Filme und kleine Ausstellungen runden das Programm ab. Die Geschichte dieses ersten Nationalparkes in Mitteleuropa reicht bis zum Beginn des Jahrhunderts
zurück. Bereits im Jahr 1906 war man sich der Tatsache bewußt, daß der Ofenpass und seine wilden Seitentäler geschützt werden müssen. Am 1. August 1914 wurde dann der Schweizerische Nationalpark gegründet. Der 168
qkm große Nationalpark liegt in den Engadiner Dolomiten, einem Kalkstein, der bizarre Formen bildet und in gewaltige Schutthalden zerbröckeln kann. Die höchsten Erhebungen im Nationalpark sind der Piz Pisoc (3174m)
und der Piz Quattervals (3164 m). Zirka ein Drittel der Parkfläche ist bewaldet, rund 75 % davon mit Bergföhren. Steinböcke, Gemsen, Rotwild und Murmeltiere sind die wichtigsten Säugetiere des Gebietes.
Der Nationalpark ist seit jeher für seine strengen Regeln bekannt. Besucher können die Landschaften des Parkes auf über 80 Kilometern
Wanderwegen kennenlernen, die nicht verlassen werden dürfen. Bei der Vielzahl reizvoller Tourenmöglichkeiten fällt die Entscheidung nicht leicht. Zum ersten Einstieg würde ich eine abwechslungsreiche Wanderung am
Ofenpaß empfehlen. Im Verlauf dieser Wanderung kann man die einzelnen typischen Landschaftsbilder des Nationalparkes kennenlernen. Der Weg führt durch das Val dal Botsch auf einen 2328 Meter hohen Aussichtsberg und
durch das Val dal Stabelchod wieder zurück zum Ausgangspunkt. Am Anfang führt der Weg durch lichten Wald, später an einem Bergbach entlang bis zu einem großen Rastplatz. Hier kann man neben den imposanten
verwitterten Felsen des Ofenberges die ersten Tierbeobachtungen machen. Auf den angrenzenden Bergwiesen leben nämlich Murmeltiere. Ein Fernglas ist für Tierbeobachtungen im Park empfehlenswert. Denn ganz so einfach
wie in den US-Nationalparks sind Tierbeobachtungen hier leider nicht.
Dann steigt der Weg über einen Bergrücken kräftig an, vorbei an beachtlichen Geröllhalden und merkwürdig girlandenartig strukturierten
Berghängen. Diese Strukturen entstehen durch komplexe Gefrier- und Auftauvorgänge, sogenannte “Solifluktion”. Mit etwas Glück lassen sich hier Gemsen und in der Luft kreisende Bartgeier beobachten. Im Juni 1991
wurden im Nationalpark die ersten drei Bartgeier wieder eingebürgert. Bis 1993 folgten vier weitere Exemplare der stolzen, einst so verfolgten Vögel ausgesetzt.
Nach dem Genuß der guten Aussicht über Teile
des Nationalparkes geht es durch das Val dal Stabelchod wieder zurück. Ein bekanntes Ziel für Tierbeobachtungen ist auch das Val Trupchun bei S-chanf. Besonders in den frühen Morgenstunden und im Rahmen der
geführten Wanderungen soll es sehr lohnend sein.
Am Berninapaß Vom Urlaubsort Pontresina aus ist
es nicht weit bis zum Bernina-Pass und zum Gletschergebiet an der Diavolezza. Wer ohne große Anstrengung an eine Gletscherzunge heranlaufen möchte, kann dies in einem 30minütigen Spaziergang von der Bahnstation
Morteratsch aus tun. Beeindruckend ist, zu sehen wie stark der Gletscher in den letzten hundert Jahren abgenommen hat. Außerdem läßt sich dort auch gut beobachten, wie die Vegetation das steinige Gletschervorfeld
erobert und welche Pflanzen zuerst erscheinen.
Ein paar Autominuten weiter erreicht man die Station der Diavolezza-Bergbahn. Der Fotograf kann sich mit ihrer Hilfe bequem in fast
3000 Meter Höhe bringen lassen. Wohlklingende Namen wie Piz Palü, Piz Bernina, Bellavista und Biancograt machen jedem Bergliebhaber den Mund wäßrig. Und so ist der erste Eindruck beim Verlassen der Gondel in genau
2937 Metern Höhe überwältigend. Die Drei- bis Viertausender einer der schönsten Alpenlandschaften bilden hier im Halbkreis eine beeindruckende Kulisse. Da viele Menschen die Begeisterung für Berge teilen, herrscht
naturgemäß starker Betrieb an solchen Aussichtsplätzen. Entfliehen kann man ihm erst etwas, wenn man den eine Wegstunde entfernten Gipfel des Munt Pers (3207m) erwandert. Ein unvergleichliches Erlebnis!
Vom Parkplatz der Diavolezza-Bahn aus führt ein schöner Weg in das Val da Fain (Heutal). Anfang Juli verwandeln sich die Bergwiesen in
ein wahres Blumenmeer. Riesige Mengen von Alpenrosen, Orchideen, Enzian, usw. erfreuen das Auge und das Herz des Blumenfreundes. Außer der bemerkenswerten Flora bietet das Tal auch Gelegenheit für Tierbeobachtungen,
denn am Piz Albris leben Alpensteinböcke. Wer sie beobachten möchte, muß auf einen anstrengenden Anstieg vorbereitet sein. Als Lohn für die Mühe konnte ich Anfang Juli, es war noch nicht sehr warm, auf einer
Bergwiese zwischen frühsommerlich blühenden Schwefelanemonen einige Geißen und Kitze beobachten. Es erfüllt mich jedes Mal mit besonderer Freude, diese schönen und geschickten Kletterer in freier Wildbahn zu
beobachten. Die einst fast ausgerotteten Tiere leben heute wieder in großer Zahl in den Alpen.
Ich hatte nicht das Glück wie im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern, stattliche Böcke zu sehen. Auch vier Wochen später war die
Situation nicht anders. Ein weiteres Mal war der frühmorgendliche Aufstieg mit dem ganzen Fotogepäck umsonst. Nicht weniger faszinierend war jedoch die karge, einer Mondlandschaft ähnelnde Bergwelt zwischen Piz
Albris und Piz Languard. Endlose Geröllhalden mit interessanten Steinformationen geben der Landschaft einen wilden Charakter. Verschiedene Ockertöne, rotes Gestein, blauer Himmel, ein klarer Bergsee und Schneereste
vereinigten sich in der klaren Luft zu einem unvergeßlichen nachhaltigen Natureindruck.
Christoph Becker
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