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Spitzbergen

Ostspitzbergen - Unterwegs im Eis Foto: Becker

Im Land der Stille

Der Gegensatz könnte kaum größer sein. In Mitteleuropa leiden die Menschen in diesen Tagen gerade unter einer Hitzewelle. Als ich nach einigen Stunden Flugzeit in Longyearbyen/Spitzbergen das Flugzeug verlasse, erwarten mich Anfang Juli plus vier Grad. In Longyearbyen, dem Hauptort Svalbards, (der offizielle norwegische Name der Inselgruppe) treffe ich die anderen sechzehn Reiseteilnehmer. Wir fahren gemeinsam zum Hafen und gehen an Bord des fünfzig Jahre alten Robbenfängers "Polarstar".

In Richtung Ostspitzbergen verlassen wir am Abend den Hafen von Longyearbyen. Eine Fahrt in die entlegensten Gebiete dieser arktischen Inselgruppe beginnt. Schon wenig später werden uns jedoch die Hoffnungen auf den geplanten Reiseverlauf genommen. Neueste Informationen über die Eisverhältnisse besagen, daß die geplante Route im Norden durch Treibeis blockiert ist. Der Norden und Osten Svalbards liegt nämlich nicht mehr im Einflußbereich von Golfstromausläufern. Spitzbergen zu umfahren, ist deshalb wegen der schwierigen Eisverhältnisse nicht in jedem Jahr möglich. Im Nordosten müßten wir durch einen schmalen Fjord, die Hinlopen-Strasse, gerade dort staut sich bei ungünstigen Bedingungen das Eis. Wir fahren deshalb in südliche Richtung, um auf diesem Weg Ostspitzbergen zu erreichen. Das Wetter zeigt sich von seiner unfreundlichsten Seite. Endlose Stunden mit rauher See liegen vor uns. Nur mit Mühe kann man sich an Bord bewegen. Wenigstens wird für unser leibliches Wohl bestens gesorgt. In der Kombüse zaubert der Schiffskoch zweimal am Tag unbeirrt von den Unbilden der See schmackhafte Büffets für uns. Wer nicht seekrank ist, kann auch etwas davon genießen.



Azurblaue Gletschereisberge

Vor Erreichen des Südkaps von Svalbard steht der Besuch eines großen Gletschers auf unserem Programm. Das Wetter ist dauerhaft schlecht. Wir wollen aber endlich mit den an Deck festgezurrten Zodiaks, großen wendigen Schlauchbooten, zu Landausflügen aufbrechen. Warm angezogen, mit Regenzeug und Schwimmwesten gesichert, geht es los. Eine Landung in der Nähe des Gletschers ist jedoch wegen des unruhigen Wassers nicht möglich. So kurven wir bei Nieselregen im Nebel um azurblaue Gletschereisberge herum, die vor der Abbruchkante des Gletschers im Wasser dümpeln.

Am nächsten Morgen erreichen wir in Ostspitzbergen die Insel Edgeöya. Während eines mehrstündigen Landausfluges lernen wir die eindrucksvolle Pflanzenwelt des einsamen Eilands kennen. Jeder der zum ersten Mal den hohen Norden erlebt, ist fasziniert von den winzigen buntblühenden Pflanzen der sonst so kargen Arktis. Wir sehen Wirbelknochen von Walen, es sind Relikte aus der Walfangzeit. Im Laufe der Jahrzehnte wurden sie von Flechten und Blumen besiedelt. Ganz besonders beeindruckend ist die Stille, die ich auf Svalbard erlebe. Nur wenige Geräusche erfüllen die Arktis. Da hört man in der Nähe von Gletschern ein leises Knistern, das beim Schmelzen von Gletschereis im Wasser entsteht. Oder das Krachen kalbender Gletscher. Außerdem den Wind und die Stimmen einiger Vogelarten, die im Sommer im hohen Norden leben.

Langsam lichtet sich der dichte Küstennebel, als wir die Tafelberge an der Südspitze Edgeöyas passieren, um den fünfunddreißig Kilometer breiten Tjuvfjord zu überqueren. Dort wollen wir in der Nähe einer kleinen Insel die Nacht über ankern. Der Tjuvfjord ist fast vollständig mit Treibeis bedeckt! Ein herrlicher Anblick, doch kommen wir dort weiter? Die "Polarstar" ist ein eisgängiges Schiff und das Treibeis stellt für sie kein unüberwindliches Hindernis dar. Am Nachmittag entdecken wir endlich ein auf dem Eis liegendes Walroß. Es läßt sich einige Minuten beobachten, bevor es lautlos in das dunkle Wasser gleitet.



Suche nach Eisbären

In der taghellen arktischen Nacht landen wir mit den Schlauchbooten an der Küste bei Andretangen. Dort besuchen wir eine alte Polarhütte, die für Überwinterungen benutzt wurde und jetzt noch gelegentlich im Sommer bewohnt wird. Wie klein und bescheiden sind diese Behausungen in der endlosen arktischen Wildnis. Die Hütte ist karg ausgestattet und so gut wie möglich gegen die Kälte isoliert. Fenster und Türen sind zum Schutz vor unerwünschtem Bärenbesuch verstärkt gesichert. In einer Ecke steht ein kleiner Metallofen. Außen ist das Bauwerk mit kräftigen Treibholz-Baumstämmen gegen Stürme abgestützt.

Der nächste Tag steht ganz im Zeichen der Suche nach Eisbären. “Polarstar"-Kapitän Johan Holstad will mit uns an der Ostküste Edgeöyas soweit wie möglich im Eis nach Norden fahren. Alle warten angespannt darauf, dem König der Arktis zu begegnen. Bald wird das Treibeis immer dichter. Der Kapitän ist ganz in seinem Element. Seit 27 Jahren fährt der erfahrene Mann auf der "Polarstar". Sie ist ein eisgängiger Robbenfänger. Mit ihrer 2000 PS starken Maschine kann sie sich langsam einen Weg durch die Eisschollen bahnen. Das Schiff arbeitet gegen das Eis an, schiebt es entweder elegant zur Seite oder es zerbricht krachend unter dem Druck des Schiffes. Die lauten schabenden Geräusche des Schiffes am Eis werde ich nicht vergessen.

Obwohl es bewölkt ist, herrscht ein faszinierendes arktisches Licht. Die Landschaft präsentiert sich in dezenten Farbtönen. Vorherrschend sind die Farben Grau, Anthrazit, Türkis und natürlich Weiß. Die sehr klare Luft macht es schwer, Entfernungen richtig abzuschätzen. Dreizehenmöwen und Eissturmvögel umkreisen das Schiff. Die Szenerie beeindruckt durch ihre Schönheit.

Wir stehen stundenlang an Deck, um ja nichts zu versäumen. Viele Augenpaare blicken aufmerksam in ein Gewirr aus zusammengeschobenen Eisschollen. Es ist schwierig, in dieser bizarren Eislandschaft einen Eisbären auszumachen. Von Zeit zu Zeit begegnen uns auf dem Eis liegende Robben, die sofort in das sichere Wasser abtauchen. Am späten Nachmittag ertönt plötzlich der Ruf "Polarbär!!". Der Beobachter hoch oben im Krähennest des Schiffes hat den Bären entdeckt. In einiger Entfernung schaut er hinter aufgetürmtem Eis hervor. Dem Kapitän gelingt es, das Schiff näher an den Bären heranzubringen. Wir genießen es minutenlang, den König der Arktis aus der Nähe zu beobachten. Schwimmend und über Eisschollen laufend, entfernt sich der Bär langsam, ohne sich um das Schiff zu kümmern. Ein unvergeßlicher Höhepunkt der Reise!

Hornsund

Im Hornsund

Am nächsten Tag erreichen wir an der Westküste den landschaftlich besonders reizvollen Hornsund mit seinen vielen Seitenfjorden. Eine atemberaubende Kulisse mit Gletschern und schneebedeckten Bergen umgibt uns. Wir erleben einen schönen Tag mit Sonne und blauem Himmel. Nach dem Abendessen geht es mit den Schlauchbooten zur Küste. An einem Lagerfeuer genießen wir die herrliche Natur und als Abschiedsgeschenk der Besatzung einen selbstgemachten Punsch.

In einer kleinen Bucht in der Nähe halten sich zahlreiche arktische Nonnen- und Ringelgänse auf. Gegen Mitternacht geht es zurück zum Schiff. Von Westen her zieht bereits dunkel eine Schlechtwetterfront heran. Der Anker wird gelichtet und es geht gegen einen starken Wind hinaus aus dem Hornsund. Der Bug des Schiffes schlägt wieder hart auf die Wellen.

Christoph Becker