Über diese Seite Kostenlos News melden Mitglied werden Werben auf Naturbilder.de Linkverzeichnis Tips für Redaktionen Tips für Erstbesucher FAQs Presse

Interviews

NORBERT ROSING

Norbert Rosing zählt zu den besten Fotografen Deutschlands. Nach wie vor ist er ein Verfechter der analogen, der „ehrlichen“ Fotografie. Viele seiner Bilder wurden auf internationalen Wettbewerben prämiert. Seit 1985 arbeitet der Naturfotograf hauptsächlich für „National Geographic“, das Magazin der amerikanischen National Geographic Society. Ob mit seiner Eisbärenfotografie, den fantastischen Bildern deutscher Nationalparks oder grandiosen Aufnahmen aus dem Yellowstone Nationalpark – seine Bildbände ziehen jeden in ihren Bann. Seine Vorträge sind absolute Highlights.

Digitale Kameras sind nicht sexy

Unberührtes Deutschland

Herr Rosing, Sie sind uns ja eigentlich in erster Linie als Arktisspezialist bekannt. Trotzdem haben Sie die heimische Natur nicht aus dem Auge verloren. Jetzt erscheint im Tecklenborg Verlag Ihr neues Buch „Unberührtes Deutschland“.

An dem Deutschland Projekt arbeite ich nun insgesamt seit mehr als 25 Jahren, wenn ich meine frühe Zeit in Berchtesgaden dazu zähle und das muss ich eigentlich, weil ich selbst diese frühen Bilder nach wie vor einsetzen kann. Eines habe ich während all dieser Reisen in Deutschland gelernt: die Vielfältigkeit der Landschaftstypen die Deutschland zu bieten hat, sucht ihresgleichen. Ob im Bryce Canyon oder im Elbsandsteingebirge, überall muss ich auf die richtigen Licht- und Wetterverhältnisse warten.

Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil bietet das Reisen in heimischen Gefilden: ich brauche nicht zu fliegen, keine Kontrollen, keine dummen Fragen, keine Gepäcksorgen, gutes Essen und ich kann mit allen Menschen in der Landessprache sprechen.

Welche Region Deutschlands ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?

Besonders ans Herz gewachsen sind mir alle Nationalparks. Ich kann nicht sagen, welcher im Besonderen. Zu jeder Jahreszeit habe ich favorisierte Plätze. Jetzt, im Frühling, liebe ich die Rhön und das Wattenmeer, im Sommer den Harz, im Herbst den Bayerischen Wald und im Winter Berchtesgaden.

Sie fotografieren konsequent analog. Bringt Sie nichts in Versuchung, digitale Kameras zu verwenden?

Ich verwende für ca. 5 % meiner Bilder das DMR von Leica, dass wirklich gute Ergebnisse bringt. 95 % fotografiere ich weiterhin analog aus verschiedenen Gründen:

- ich liebe den Filmwechsel
- ich liebe Filme
- ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu den Leuten vom Labor (Bildmanufaktur München)
- ich möchte alle Bilder der vergangenen Jahre mischen können
- es gibt nach wie vor nichts schöneres als ein gut belichtetes und mit Leica Optiken fotografiertes Velvia 50 Dia
- nach jeder Reise vergleiche ich die Bilder auf meinem Mac Bildschirm und denen auf dem Leuchtpult - das Leuchtpult gewinnt fast immer! Dies bestätigen sogar professionelle Photographen und Layouter. Alle Fernsehteams die bei mir zu Hause gedreht haben, wollten das Leuchtpult filmen. An einem Computer wollte niemand drehen.
- die meisten meiner Kunden wollen Dias von mir
- digitale Kameras haben keine Wertbeständigkeit
- erst vor wenigen Tagen fand ich ein S/W Bild von 1926 in einem Karton zu Hause. Das Bild ist top und detailreich. Was ist mit unseren Digi-Bildern in 80 Jahren?
- seit der Einführung der digitalen Fototechnik haben sich die Erlöse aus Bildverkäufen halbiert. Eine unendliche Bilderflut hat eingesetzt. Die meisten Bildagenturen sind nicht mehr da, die Labors zu, in den ehemaligen Fotogeschäften, vor denen wir früher mit begierigen Augen gestanden haben, sind Modegeschäfte oder sonstiges eingezogen. Die Faszination Fotografie mit dem andächtigen Berühren der ersten Kamera und der Beratung eines kompetenten Händlers ist weg. Für mich ist ein großes Stück Lebensqualität dadurch weggebrochen. Digitale Kameras sind für mich nicht sexy, haben keine Seele, es sind Arbeitscomputer, die nach spätestens zwei Jahren ausgewechselt werden müssen.
Wenn ich irgendwann komplett umsteigen muss, dann um zu überleben - aber nicht aus Überzeugung.

Untere Oder Foto: Norbert Rosing

Entschleunigt arbeiten

Mit Ihrem herausragenden Buch „Im Reich der Eisbären“ ist Ihnen ein Meilenstein der Naturfotografie gelungen. Arbeiten Sie auch weiterhin am Thema Arktis?

Das Thema Arktis bleibt. Ich bin jedes Jahr für mehrere Wochen auf Spitzbergen und werde auch weiterhin nach Churchill fahren.

Welche Empfindungen haben Sie, wenn Sie dort unterwegs sind? Seit 25 Jahren verfolgen wir ja alle die fruchtlosen Umweltdiskussionen. Kaum etwas scheint sich positiv zu verändern?

Das Abschmelzen der Gletscher und der Pole wird nicht zu verhindern sein. Ob es wirklich in 50 Jahren kaum mehr Eisbären gibt, wage ich zu bezweifeln. Was die Sache aus meiner Sicht beschleunigt, ist die geplante Öffnung der Arktis für die Industrie. Minen, Bohrinseln, Straßensysteme, Industriedreck. Große Tanker und Eisbrecher werden derzeit gebaut, um durch das Packeis brechen zu können. Der Lärm der Schiffsmotoren wird die Wale in den Wahnsinn treiben. Die Echolotmessungen der Wissenschaftler zertrümmern die Gehörgänge aller im Wasser lebenden Lebewesen im Umkreis (Arte-Film Anfang März) Die Ölsande von Alberta ruinieren riesige Landstriche in der Tundra. Den Touristen wird eingeschärft beim Betreten der Tundra: Lasst nur Eure Fußstapfen zurück, kein Papierchen, keinen Müll.

Wie schwer ist das Leben als Naturfotograf geworden? Es gibt ja heute kaum noch Publikationen mit Naturfotostrecken.

Ich würde heute auch wieder versuchen, Naturfotograf zu werden. Aber es ist ungemein schwieriger geworden. In Zeiten von Google Earth, GPS und Internet ist der Globus zu klein geworden. Als Einzelbild Fotograf und reiner Agentur-Naturfotograf kann man heute nicht mehr überleben. Z. B. Eisbärenfotografie: als ich anfing, gab es etwa fünf wirklich gute Fotografen, die sich mit dem Thema befassten. Damals warf man etwa 80% aller Bilder weg, wegen Über- oder Unterbelichtung. Es blieben nur wenige Bilder für den Markt. In den frühen 80iger Jahren flog ein Redakteur für ein Eisbären-Diaduplikat in die USA und bezahlte ca. 1500 US$ dafür. Es gab so gut wie keine Bilder!

Heute, im digitalen Zeitalter, gibt es keine fehlbelichteten Bilder mehr - Regler nach links oder rechts und das Bild passt. 2-3000 Bilder/Tag verschossen - 2 werden gut sein. Per Satellitentelefon noch abends an die Agentur geschossen - fertig! Oder- noch schlimmer - am gleichen Abend ins Internetforum damit man der Erste ist. Ohne Geld, ohne Honorar, einfach so! Keine Exklusivität mehr, kein Sammeln von Bildern über einen längeren Zeitraum für ein Buch oder eine Geschichte. Der Reiz ist weg. Das Bild gesehen - abgehakt!

Ich gehe den anderen Weg. Lange sammeln, kaum veröffentlichen außer groß, weiterhin analog und entschleunigt. Viel draußen - wenig vor dem Computer. Leben genießen mit dem was mir Freude macht.

Seit Mitte März hat nun auch Leica mein analoges R-System eingestellt und alle Bestände verkauft, das heißt aber nicht, dass man mit der R9, R8, R6 nicht mehr fotografieren kann. Man kann - sogar verdammt gut!

Wann werden Sie wieder auf Vortragstour gehen?

Im Jahr 2010 sind wieder Vorträge geplant: WILDES DEUTSCHLAND & IM REICH DER EISBÄREN

Standing Ovations

Was bedeutet Ihnen der Kontakt zum Publikum bei den Vortragsveranstaltungen?

Der Kontakt zum Publikum ist für mich sehr wichtig. Ich komme gerade von der NANPA in den USA zurück, wo ich meinen Eisbärenvortrag gezeigt habe. Ich musste meine Leica Projektoren mitnehmen, da keine Diaprojektoren mehr aufzutreiben waren. Ich bekam eine weiße Leinwand, perfekten Abstand vom Projektor zur Leinwand in einem völlig dunklen Raum. Es hat die Leute "umgehauen". Lange stehende Ovationen und Glückwünsche von allen Seiten. Meine Bücher (20 waren vorhanden) waren innerhalb von einer halben Stunde weg. Bei Erwähnung am Anfang, dass ich "altmodische" Dias zeige - spontaner Applaus. "Haben sich die Leute wirklich alle freiwillig auf die digitale Schiene begeben?" frage ich mich dann.

Vorträge sollten nicht in moderner Technik ersticken und die Vortragenden sollten etwas zu sagen haben in Verbindung mit guten Bildern. Ein Einzelbild stehen lassen und es genießen können.

Sie begleiten auch Naturfotoreisen. Wohin geht es in diesem Jahr?

Ich begleite Fotoreisen mit Polar Kreuzfahrten nach Spitzbergen. Die nächsten Reisen sind ab Mitte August und 2010 den ganzen September.

Das Interview fand im März 2009 statt.

Jegliche Verwendung des Interviews ist nur mit einer ausdrücklichen und schriftlichen Genehmigung der Urheber gestattet. Copyright by Norbert Rosing und Naturbilder.de


Feedback zu Norbert Rosing

4 Kommentare

07.04.2009 14:10 Daniel
Interessanter Artikel! Ich liebe den Anblick meiner Velvias auf dem Leuchtpult auch noch sehr, ABER: den Digitalbody möchte ich nicht mehr missen, da er massiv zur Entspannung beiträgt. Keine Angst mehr vor dem Flughafen, weniger Filme zu schleppen, und immer ein BackUp, wenn die Filme doch mal wieder Kratzer haben. Und das grösste Plus ist der Kontrastumfang, den der Velvia halt nicht hat... Mir macht es echt Spass, parallel zu fotografieren - von beiden Welten das Beste. Und die D300 find ich sehr sexy!

05.04.2009 20:41 Dolder
auch der gute Norbert wird an den digitalen Kameras nicht vorbeikommen. Seine Aussagen im Interview stelle ich über weite Strecken in Frage. Noch immer macht der Fotograf das Bild und nicht die Kamera - sei diese nun analog oder digital. Willi Dolder, Nairobi/Kenia

02.04.2009 23:50 Peter Seidelmeier
Ich gab Herrn Rosing recht was das Thema analog angeht - haben mich doch meine Nikons F2-3-4-6 lange auf meinen Fotoreisen der letzten 30 Jahre von Amerika bis Burma zuverlässig begleitet und die Qualität des Filmes war und blieb top. Seit Feb 2009 denke ich jedoch anders darüber - eine Nikon D3x sorgte für das Wegpacken meiner analogen Geräte. Man muß ja nicht tausende Bilder knipsen wenn man weiß wie Blende und Belichtungszeit funktionieren.

29.03.2009 16:17 Steven
Ich weine dem Diafilm keine Träne nach. Digital kann man ebenfalls Spitzenbilder machen.


Ihr Eintrag erscheint nicht sofort. Er muss erst freigeschaltet werden.





Das meisterhafte Buch "Im Reich der Eisbären" möchten wir allen Naturfreunden nochmals empfehlen.

Meisterhaft!

„Im Reich der Eisbären“ von Norbert Rosing

Wenn Klimaexperten recht haben, ist das neue Buch von Norbert Rosing ein Buch der Erinnerungen an bald vergangene Zeiten. Denn bedingt durch die Klimaerwärmung wird sich der Lebensraum der Eisbären bald so verändert haben, dass ein Überleben dieser wunderbaren Tierart unwahrscheinlich ist.

Um es gleich vorweg zu sagen. Dieses Buch ist ein Meilenstein. Es ist noch etwas größer und vor allem noch viel schöner als das erste, im Jahr 1994 im gleichen Verlag erschienene Arktisbuch von Norbert Rosing.

In diesem Buch kann man den „Arctic Spirit“ erleben, die umfassende Faszination eines einmaligen Lebensraumes spüren. Dies gelingt sicherlich auch dann, wenn man noch nicht das große Glück hatte, selbst die Arktis zu bereisen.

Wenn man dort schon einmal war, ist es sowieso zu spät, man ist längst befallen vom Arktisfieber. Man spürt dann ganz besonders beim Betrachten der vereinzelt schon fast zu Tränen rührenden Fotos die Stimmung vor Ort, die unvergleichlich klare Luft, die Stille. Hier hat sich in jahrelanger Kleinarbeit ein wahrer Kenner in unvergleichlicher Weise mit einem Thema beschäftigt, das ihm am Herzen liegt.

Begleitet von den persönlichen Texten Rosings dürfen wir, dem Jahreslauf folgend, die Natur der Arktis erleben. Eisbären mit ihren Jungen, Walrosse, Füchse, Vögel, Pflanzen und immer wieder beeindruckende Landschaften.

„Die arktische Landschaft verdient Respekt“, so Rosing. Richtig! Unser ganzer Planet verdient Respekt! Wann wird sich diese Erkenntnis durchsetzen und endlich auch das Handeln der Menschheit bestimmen? Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben. cb/naturbilder.de

Tecklenborg Verlag
ISBN 3934427995
Preis: 49,90